Der Wind zerschnitt ihm stechend scharf das Gesicht.
Das schlimmste daran war, dass er trotzdem unter dem Sprunganzug schwitzte, die Art von Schweiß, die einem kalt aus den Poren läuft und die Handflächen unangenehm glitschig macht.
Er fror bitterlich und er wusste ganz genau, dass das erst wieder anders sein würde, wenn er den Sprunganzug gegen mehrere Kleidungsschichten getauscht hatte.
Der Ort und somit das Tal erstreckte sich vor ihm wie ein verräterisches Fangnetz.
Eine Saison war wie Winterpostkartenmotive – wahllos aneinandergereiht in einer unendlich scheinenden Diashow. Irgendwann wurde man müde sie anzusehen.
Auf seinem Gaumen lag der Geschmacksrest der letzten Zigarette.
„Man geht manchmal einfach noch mal den Sprung durch, also so, wie er abzulaufen hat.
Ich weiß nicht, ich kann da nur von mir reden, aber ich denke oben an nichts. Im absoluten Bestfall ist mein Kopf völlig leer gekehrt und es hat genug Platz für den Sprung.
Man muss es einfach kommen lassen, dann wird’s was“
Heute hatte er den Kopf nicht frei. Er war auch keine Wäschetrommel im Schleudergang, nichts flog nach links oder rechts und schlug gegen die Außenwände, er war viel eher dröge. Dumpf.
Ein fast unbekanntes Gefühl hatte ihm die unbelebte Hand auf die Schulter gelegt und zugedrückt.
Es war keine väterliche Geste sondern ein Ausspruch wie: ‚Ich bin jetzt da, und du wirst mich nicht mehr los’.
Vor ihm stieß sich ein Springer vom Balken, fuhr die Anlaufspur hinunter und verschwand hinter dem Hügel der Schanze.
Die Nervosität in seinem Bauch platzte wie ein Silvesterknaller.
„Ich hab da oben keine Angst, nein. Ich denke auch nicht darüber nach.“
Die Halterung einer Flagge schlug unaufhörlich gegen eines der Metallgitter, an denen sie hier oben lehnten. Es klang wie ein auskühlender Motor, und für ihn persönlich war es so, als würde jemand seinen Herzschlag parodieren wollen.
Er strich sich die Haare aus der Stirn und setzte sich den Helm auf. Hinter ihm fummelte ein Springer einer anderen Nation unaufhörlich an seinen Skiern herum, vor ihm wurde jemand schon zum zweiten Mal wegen zu starkem Wind daran gehindert, endlich seinen Sprung zu machen.
Es waren genau diese Bedingungen, die es für ihn so schwierig machten. Uneinschätzbare Witterungsverhältnisse und die ewige Warterei machten ihn nicht selten unachtsam.
Aber das war es nicht. Irgendwas in der heutigen Vorbereitung war anders gewesen.
Er hatte sich dazu verleiten lassen dieses Interview zu geben, und nun schien ihm das Gesagte wie eine Beschwörung. Als hätte er es selbst herausgefordert.
Er war nicht abergläubisch, aber vorher über solche Themen zu reden war, als würde man den Teufel persönlich zum Tanz auffordern. Jetzt war er nicht nur da, nein, jetzt sahen sie sich in die Augen.
Das Pulsieren der Erregung gab dem Ganzen einen sehr lebendigen Zug.
„Klar, wenn man darüber nachdenkt wird einem vielleicht schon ab und zu mal mulmig. Ich meine, man schwebt, stürzt oder fliegt, je nach Auffassung, meterweit überm Boden und ist etwas Unberechenbarem schutzlos ausgeliefert. Und natürlich kann irgendwas schief gehen und man setzt sich ordentlich auf den Arsch, dieses Bewusstsein muss man haben. Man kann nicht einfach rangehen und nachher überrascht tun wenn man stürzt. Aber so ist es doch überall. Je länger man über eine Sache nachdenkt und sie anstarrt desto größer wird die Angst in einem drinnen.“
Die Stufen zum Balken waren stellenweise vereist und er musste sie mit großer Obacht nehmen. Er zählte sie. Er zählte sie immer, obwohl er sich, an der letzten angekommen, niemals an die genaue Anzahl erinnerte.
Es war die Routine, die einfach immer ablief. Man hatte sie drin, konnte sie abrufen, egal was um einen herum geschah, und spätestens jetzt achtete man nicht mehr darauf was vor einem passierte. Es kam der Zeitpunkt, an dem man für sich allein war, in einem eigenen, kleinen Vakuum, das sämtliche Nebenfaktoren von vornherein selektierte.
Seine Hände unter dem festen Handschuhstoff schwitzten.
„Ich denk da nicht drüber nach. Man sagt zwar, dass dieser Sport sehr vom Mentalen abhängig ist, aber in gewissen Momenten muss man auch den Schneid dazu besitzen, den Kopf auszuknipsen. So einfach ist das.“
Sein Griff war fest und sicher als er sich auf den Balken zog. Er kontrollierte beide Bindungen und den Sitz der Brille. Fokussiert auf den kleinen Punkt, der sein Trainer samt Fahne war, die Sekunden wie Gelee, welches langsam von einem Löffel tropfte. Er hätte nicht mehr sagen können ob er atmete.
Anlaufspur mit 93 km/h, ein bisschen mehr wenn der Wachser gut gearbeitet hatte. Das Gesicht innerhalb von Wimpernschlägen taub, nur niemals den Blick abwenden, niemals den Faden verlieren. Manchmal musste man es einfach kommen lassen.
Absprungpunkt. Ungewissheit.
Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?
Niemand!
Und wenn er kommt?
Dann kommt er eben!