Kopflastig
admin am 30. Januar 2010 um 08:00Wenn einer eine Kopflast trägt, dann spürt man, dass sein Herz noch schlägt.
Die Straße wandte sich an der alten Dorfkirche entlang. Sie hatte schon früher Wasser geblutet, bis man Kopfsteinpflaster über die Wunden klebte. Die Pfützen verschwanden. Nur ab und an färbten sich bei Regen die Steine rot, weil ein Passant darauf ausgerutscht war und sich den Kopf angeschlagen hatte.
Sein Hals bog sich nach vorn unter der Kopflast. Er dachte ein paar Lieder. In solchen Situationen ergaben Zeilen plötzlich Sinn. „So if you love me, why’d you let me go? If you love me, won’t you let me know?“ Die alten Holzbretter der Bank sogen das Wasser auf wie Schwämme. Eigentlich ist das gemein. Wie kann man nur auf die Idee kommen, etwas zu bauen und es genau den Bedingungen auszusetzen, denen es nicht widerstehen kann. Wie kann ein Gott auf die Idee kommen, Menschen in eine Welt zu setzen, in der sie alleine sind. Menschen, die alleine sind, rosten, sie korrodieren. Sie werden nicht zu Stein, weil sie niemand berührt. Sie verfaulen einfach. Jannika war alles für ihn gewesen.
Er kam zu dem Schluss, dass Gott gemein sein müsse. Er sah zur Kirche und dachte daran, es an die Tür zu schreiben mit weißer Kreide. Aber er wusste, dass eine Diskussion mit einem Theologen aussichtslos war. Mit Sicherheit hatten schon tausend Menschen denselben Gedanken und ebenso viele andere entsprechende Gegengedanken. Vermutlich würden sich viele Christen angegriffen fühlen, wenn er das aussprechen würde. Dabei meinte er das gar nicht böse. Er mochte keine Schubladen. Als Freigeist fühlte er sich wohler.
Doing. Widerspruch regte sich in ihm, feuerte ein neues Zitat in endlosen Potenzialen durch sein neurales Netz: „Und jeder denkt für sich allein, aber niemand will alleine sein.“ Wie kann ein Bewusstsein nur so gegen sich selbst arbeiten. Wie kann ein Rechner nur abstürzen.
Er wunderte sich, ob Gedanken masselos waren. Aber wenn … warum senkten Menschen dann die Köpfe und warum war man „bedrückt“. Der Trost des angehenden Wissenschaftlers; ein paar Fakten, mehr nicht. Wenige Tatsachen und ein bisschen Scham. Wie kann etwas Masseloses Abstürze verursachen. Keine Masse, keine Kraftwechselwirkung, kein Sturz.
Durch den Schwerpunkt der Gravitation in seinem Kopf verlief sich das, was einmal Gedanke war, zu Kopfschmerzbrei. Es war wie immer. Er konnte sein eigentliches Problem nur mit einer gewissen Unschärfe definieren. Entweder, er wusste genau, wie groß sein Problem wirklich war oder er wusste genau, dass er ein Problem hatte. Das genaue Phänomen war jedoch für sein Bewusstsein nicht greifbar. Die Psyche ist schon ein merkwürdiges Ding. Er dachte also einfach darum herum. Gedankenverloren spazierte er um das alte Gotteshaus. Er stolperte schließlich nach genau einer Runde über die Bank und schlug sich die Nase daran.
Die Supernova in seinem Kopf tanzte Polka. Das Blut lief seine Nase herunter und vermischte sich mit dem Regen. Das war angenehm. Der Überdruck in seinen Gefäßen ließ nach.
Der Gedankenpudding implodierte in seiner eigenen Massekraft. Ein schwarzes Loch bildete sich und trat an seine Stelle. Plötzlich schienen all die unnützen Kopfspiele versiegt. Er musste an Jannika denken. Sie fehlte ihm, obwohl es lange her war. Überhaupt schien es lange her, dass er etwas gespürt hatte, das sich echt anfühlte. Nein, vielleicht war es nicht Jannika, die er vermisste. Wahrscheinlich vermisste er nur jemanden, eine warme Hand, nach der er greifen konnte, einen anderen Körper zum Anlehnen, einen verbundenen Geist zum Vertrauen – einen Menschen zum Lieben. Alles, was Jannika für ihn gewesen war.
Das Gefühl der Wärme zog sich aus seinem Brustkorb durch die Adern in den Kopf. Die Singularität fraß sie vergnüglich und irgendwie half das. Ohne den Druckausgleich hätte er vielleicht geweint. Obwohl das im Regen egal gewesen wäre.