Gewinner

admin am 1. März 2010 um 19:47
Die Sieger des Wettbewerbes Kopflast stehen fest, es haben gewonnen:
1) Bahnhofsnarr, von Christoph Meissner-Spannaus (OlafmitdemTraktor, LiFo)
2) Wir Konzentrierten, von Lena Knaudt ( m.o.bryé, KV)
3) Ohne Last. Ohne Kopf. Egal., von ecco, KV.

Wir danken allen Teilnehmern für ihre Beiträge: Danke schön. Als Mitglied der Jury kann ich schreiben, dass wir eine, wie oft bei Auswahlverfahren, ungerechte Entscheidung getroffen haben, wegen der insgesamt hohen Qualität der eingesandten Texte hätten noch wesentlich mehr Teilnehmer eine Auszeichnung verdient gehabt, – aber nur einer kann gewinnen, wie es heißt, oder, in diesem Falle: nur drei.

Die Zusammenarbeit zwischen den Forenmitgliedern verlief freundschaftlich, besonders danken müssen wir KVler der Eigentümerin des LiFo, Katja Zeißler, und den Mitgliedern der Jury, Jo und exmaex (LiFo), sowie AndreasG (KeinVerlag). Besonders auch dem unabhängigen Jurymitglied Annabell Jung für ihre Bereitschaft, unsere Arbeit entscheidend zu unterstützen. Danke schön.

Ein Wettbewerb, der allen Beteiligten Spaß gemacht hat, – und wir hoffen: auch den Teilnehmern ein wenig, auch denen, die nicht gewonnen haben,

schönen Tag,

Andreas Hempler / wupperzeit

Kopflastig

admin am 30. Januar 2010 um 08:00

Wenn einer eine Kopflast trägt, dann spürt man, dass sein Herz noch schlägt.

Die Straße wandte sich an der alten Dorfkirche entlang. Sie hatte schon früher Wasser geblutet, bis man Kopfsteinpflaster über die Wunden klebte. Die Pfützen verschwanden. Nur ab und an färbten sich bei Regen die Steine rot, weil ein Passant darauf ausgerutscht war und sich den Kopf angeschlagen hatte.

Sein Hals bog sich nach vorn unter der Kopflast. Er dachte ein paar Lieder. In solchen Situationen ergaben Zeilen plötzlich Sinn. „So if you love me, why’d you let me go? If you love me, won’t you let me know?“ Die alten Holzbretter der Bank sogen das Wasser auf wie Schwämme. Eigentlich ist das gemein. Wie kann man nur auf die Idee kommen, etwas zu bauen und es genau den Bedingungen auszusetzen, denen es nicht widerstehen kann. Wie kann ein Gott auf die Idee kommen, Menschen in eine Welt zu setzen, in der sie alleine sind. Menschen, die alleine sind, rosten, sie korrodieren. Sie werden nicht zu Stein, weil sie niemand berührt. Sie verfaulen einfach. Jannika war alles für ihn gewesen.

Er kam zu dem Schluss, dass Gott gemein sein müsse. Er sah zur Kirche und dachte daran, es an die Tür zu schreiben mit weißer Kreide. Aber er wusste, dass eine Diskussion mit einem Theologen aussichtslos war. Mit Sicherheit hatten schon tausend Menschen denselben Gedanken und ebenso viele andere entsprechende Gegengedanken. Vermutlich würden sich viele Christen angegriffen fühlen, wenn er das aussprechen würde. Dabei meinte er das gar nicht böse. Er mochte keine Schubladen. Als Freigeist fühlte er sich wohler.

Doing. Widerspruch regte sich in ihm, feuerte ein neues Zitat in endlosen Potenzialen durch sein neurales Netz: „Und jeder denkt für sich allein, aber niemand will alleine sein.“ Wie kann ein Bewusstsein nur so gegen sich selbst arbeiten. Wie kann ein Rechner nur abstürzen.

Er wunderte sich, ob Gedanken masselos waren. Aber wenn … warum senkten Menschen dann die Köpfe und warum war man „bedrückt“. Der Trost des angehenden Wissenschaftlers; ein paar Fakten, mehr nicht. Wenige Tatsachen und ein bisschen Scham. Wie kann etwas Masseloses Abstürze verursachen. Keine Masse, keine Kraftwechselwirkung, kein Sturz.

Durch den Schwerpunkt der Gravitation in seinem Kopf verlief sich das, was einmal Gedanke war, zu Kopfschmerzbrei. Es war wie immer. Er konnte sein eigentliches Problem nur mit einer gewissen Unschärfe definieren. Entweder, er wusste genau, wie groß sein Problem wirklich war oder er wusste genau, dass er ein Problem hatte. Das genaue Phänomen war jedoch für sein Bewusstsein nicht greifbar. Die Psyche ist schon ein merkwürdiges Ding. Er dachte also einfach darum herum. Gedankenverloren spazierte er um das alte Gotteshaus. Er stolperte schließlich nach genau einer Runde über die Bank und schlug sich die Nase daran.

Die Supernova in seinem Kopf tanzte Polka. Das Blut lief seine Nase herunter und vermischte sich mit dem Regen. Das war angenehm. Der Überdruck in seinen Gefäßen ließ nach.

Der Gedankenpudding implodierte in seiner eigenen Massekraft. Ein schwarzes Loch bildete sich und trat an seine Stelle. Plötzlich schienen all die unnützen Kopfspiele versiegt. Er musste an Jannika denken. Sie fehlte ihm, obwohl es lange her war. Überhaupt schien es lange her, dass er etwas gespürt hatte, das sich echt anfühlte. Nein, vielleicht war es nicht Jannika, die er vermisste. Wahrscheinlich vermisste er nur jemanden, eine warme Hand, nach der er greifen konnte, einen anderen Körper zum Anlehnen, einen verbundenen Geist zum Vertrauen – einen Menschen zum Lieben. Alles, was Jannika für ihn gewesen war.

Das Gefühl der Wärme zog sich aus seinem Brustkorb durch die Adern in den Kopf. Die Singularität fraß sie vergnüglich und irgendwie half das. Ohne den Druckausgleich hätte er vielleicht geweint. Obwohl das im Regen egal gewesen wäre.

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

admin am 7. Januar 2010 um 17:07

Der Wind zerschnitt ihm stechend scharf das Gesicht.
Das schlimmste daran war, dass er trotzdem unter dem Sprunganzug schwitzte, die Art von Schweiß, die einem kalt aus den Poren läuft und die Handflächen unangenehm glitschig macht.
Er fror bitterlich und er wusste ganz genau, dass das erst wieder anders sein würde, wenn er den Sprunganzug gegen mehrere Kleidungsschichten getauscht hatte.

Der Ort und somit das Tal erstreckte sich vor ihm wie ein verräterisches Fangnetz.
Eine Saison war wie Winterpostkartenmotive – wahllos aneinandergereiht in einer unendlich scheinenden Diashow. Irgendwann wurde man müde sie anzusehen.
Auf seinem Gaumen lag der Geschmacksrest der letzten Zigarette.

„Man geht manchmal einfach noch mal den Sprung durch, also so, wie er abzulaufen hat.
Ich weiß nicht, ich kann da nur von mir reden, aber ich denke oben an nichts. Im absoluten Bestfall ist mein Kopf völlig leer gekehrt und es hat genug Platz für den Sprung.
Man muss es einfach kommen lassen, dann wird’s was“

Heute hatte er den Kopf nicht frei. Er war auch keine Wäschetrommel im Schleudergang, nichts flog nach links oder rechts und schlug gegen die Außenwände, er war viel eher dröge. Dumpf.
Ein fast unbekanntes Gefühl hatte ihm die unbelebte Hand auf die Schulter gelegt und zugedrückt.
Es war keine väterliche Geste sondern ein Ausspruch wie: ‚Ich bin jetzt da, und du wirst mich nicht mehr los’.

Vor ihm stieß sich ein Springer vom Balken, fuhr die Anlaufspur hinunter und verschwand hinter dem Hügel der Schanze.
Die Nervosität in seinem Bauch platzte wie ein Silvesterknaller.

„Ich hab da oben keine Angst, nein. Ich denke auch nicht darüber nach.“

Die Halterung einer Flagge schlug unaufhörlich gegen eines der Metallgitter, an denen sie hier oben lehnten. Es klang wie ein auskühlender Motor, und für ihn persönlich war es so, als würde jemand seinen Herzschlag parodieren wollen.
Er strich sich die Haare aus der Stirn und setzte sich den Helm auf. Hinter ihm fummelte ein Springer einer anderen Nation unaufhörlich an seinen Skiern herum, vor ihm wurde jemand schon zum zweiten Mal wegen zu starkem Wind daran gehindert, endlich seinen Sprung zu machen.
Es waren genau diese Bedingungen, die es für ihn so schwierig machten. Uneinschätzbare Witterungsverhältnisse und die ewige Warterei machten ihn nicht selten unachtsam.

Aber das war es nicht. Irgendwas in der heutigen Vorbereitung war anders gewesen.
Er hatte sich dazu verleiten lassen dieses Interview zu geben, und nun schien ihm das Gesagte wie eine Beschwörung. Als hätte er es selbst herausgefordert.
Er war nicht abergläubisch, aber vorher über solche Themen zu reden war, als würde man den Teufel persönlich zum Tanz auffordern. Jetzt war er nicht nur da, nein, jetzt sahen sie sich in die Augen.
Das Pulsieren der Erregung gab dem Ganzen einen sehr lebendigen Zug.

„Klar, wenn man darüber nachdenkt wird einem vielleicht schon ab und zu mal mulmig. Ich meine, man schwebt, stürzt oder fliegt, je nach Auffassung, meterweit überm Boden und ist etwas Unberechenbarem schutzlos ausgeliefert. Und natürlich kann irgendwas schief gehen und man setzt sich ordentlich auf den Arsch, dieses Bewusstsein muss man haben. Man kann nicht einfach rangehen und nachher überrascht tun wenn man stürzt. Aber so ist es doch überall. Je länger man über eine Sache nachdenkt und sie anstarrt desto größer wird die Angst in einem drinnen.“

Die Stufen zum Balken waren stellenweise vereist und er musste sie mit großer Obacht nehmen. Er zählte sie. Er zählte sie immer, obwohl er sich, an der letzten angekommen, niemals an die genaue Anzahl erinnerte.
Es war die Routine, die einfach immer ablief. Man hatte sie drin, konnte sie abrufen, egal was um einen herum geschah, und spätestens jetzt achtete man nicht mehr darauf was vor einem passierte. Es kam der Zeitpunkt, an dem man für sich allein war, in einem eigenen, kleinen Vakuum, das sämtliche Nebenfaktoren von vornherein selektierte.
Seine Hände unter dem festen Handschuhstoff schwitzten.

„Ich denk da nicht drüber nach. Man sagt zwar, dass dieser Sport sehr vom Mentalen abhängig ist, aber in gewissen Momenten muss man auch den Schneid dazu besitzen, den Kopf auszuknipsen. So einfach ist das.“

Sein Griff war fest und sicher als er sich auf den Balken zog. Er kontrollierte beide Bindungen und den Sitz der Brille. Fokussiert auf den kleinen Punkt, der sein Trainer samt Fahne war, die Sekunden wie Gelee, welches langsam von einem Löffel tropfte. Er hätte nicht mehr sagen können ob er atmete.

Anlaufspur mit 93 km/h, ein bisschen mehr wenn der Wachser gut gearbeitet hatte. Das Gesicht innerhalb von Wimpernschlägen taub, nur niemals den Blick abwenden, niemals den Faden verlieren. Manchmal musste man es einfach kommen lassen.

Absprungpunkt. Ungewissheit.

Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?
Niemand!
Und wenn er kommt?
Dann kommt er eben!

Aufgewühlt

admin am 7. Januar 2010 um 17:02

Ich mag dich.

Ich dich auch, das weißt du.
Und ich bereue es, ständig an dir vorbei gelaufen zu sein.

Es tat weg. Allein diese Wörter zu lesen.
Ich kannte ihn nicht, ich spürte aber diesen Anflug von Schmetterlingen, als ich ihn sah.
Es war schrecklich. Und es wurde jedes Mal schlimmer.
So viele Chancen die nicht genutzt wurden. Ich schob es auf mich. Wir redeten, wir schwiegen.
In die Augen sehen konnte ich ihm jedoch nicht, ich wollte es aber.
Von allen Seiten sagten mir Menschen, ich solle es einfach wagen. Ich hatte Angst.
Mein eigenen Gedanken hatte ich nicht mehr unter Kontrolle, von meinen Gefühlen ganz zu schweigen.

Liebe.
Liebe?

Ich wusste es nicht.
Ich war aufgewühlt.
Zittriger Atem, gedankenverlorene Blicke,

Sprachlosigkeit.

Ich war enttäuscht von mir.
Von ihm.
Ich war nicht sauer, nur enttäuscht.
Ich wollte etwas ändern, er wollte es auch.
Ich las es aus einen Wörtern. So etwas wie zwischen den Zeilen lesen.

Wir schaffen es nicht, oder?

Doch, irgendwann bestimmt.
Nur wann ist irgendwann?

Morgen? Übermorgen? Oder doch erst in zehn Jahren?
Ich wollte ihn kennen lernen.
Klarheit haben.
Wieder runterkommen.
Ich mochte ihn.
Vielleicht sogar mehr als das.

Leben wider Popmusik. Im Januar.

admin am 7. Januar 2010 um 16:55

Sie springen Reigen, wo ich strauchle.

Popmusik macht fremd, wispert das Trottoir,

als ich über einen Glückspfennig stolpere,

ein schwindsüchtiger Globus, ach-so-prosaisch

und ich schmecke das schale Aroma fremder Zungen

in jedem Reim, den ich mir darauf mache,

wie kalten Kaffee

auf der alten Haut des neuen Tages.

Bleigesichtige Bürokraten bevölkern die Parkbänke,

Grau in Grau in Schwarz,

ein Rest Alltagssituation für die heimatlosen Stubenhocker.

Wider dem unwiederbringlichen Verlust meines Realitätsminimums

vor diversen Großstadtpanoramen,

habe ich versucht den Horizont abzustreifen,

Hals- und Hüftbruch

und die Hoffnungsbrachen,

süchtig nach Schwund und Koma

umtanzten Brückenpfeiler,

in tausend und einer Nacht,

und weißt du was?

Lkw-Reifen verkörpern Sonnenräder,

betonierter Sphärenklang, fernschwelgend

ein Lebenszeichen,ein Leben

ad absurdum geführt

unter dem Abglanz industrieller Abrissästhetik:

warten auf Erlösung!Warten auf den Mai!

Gar nichts weißt du, gaaar nichts!

Himmelwärts gebrochene Puppenaugen bringen doch Glück,

behaupten die schöngeistigen Ampelmännchen,

eine furchtbar altehrwürdige Litanei,ach:

„Behüt´sie Gott!“

Ich sträube mich gegen die irdene Schwarzperligkeit,

wenn sie wieder das Lied vom Tod spielen,

weil sie vom Leben nichts wissen.

Mon Dieu,die Schwerkraft macht mich höhenkrank.

Dieser Tage Sehnsucht ist kein Kammerspiel, du weißt.

Und Herzscheidewände bersten.

Und alles geschieht immer den Umständen entsprechend,

man kann nicht immer nur schwarz-weiß träumen.

Die Bäume spielen postapokalyptische Volkslieder:
Lasst die Vögel frei!

Der Himmel darbt in Einsamkeit.

[ohne Titel] du sprichst vom leben …

admin am 7. Januar 2010 um 16:54

du sprichst vom leben in den großen städten
doch liebste welches leben
alles ist beton und du
fällst mit dem kopf zuerst

fragiles flimmern kühlschranksurren
eine armada von zikaden
ihr lied durchmischt das quecksilber
unter deiner haut

du sprichst von ewigkeit und leuchten
von tagen zwischen wahn und nichts
von auskosten von lebenskosten
und alledem was du für heimat gäbst

gestützt in lärm und kissen
hoffst du auf noch einen tanz
auf meine hand die deine zieht
nach draußen zu den großen schiffen

und fort von dir und deinem schwanken
auf gespannten nervenseilen :
so auf mein herz
der markt am hafen

liegt in lautem morgen da
lass uns gehen bevor die möwen
sich auf tote reste stürzen
lass uns gehen bevor das wasser

stück um stückchen höher steigt
und weder kai noch molen
letzten halt in fluten bieten :

denn letzte nacht las ich in brailleschrift
auf dir von hals nach arm:

diese stadt ja dieses leben
ist fluss ist schilf und du
treibst erstarrt opheliagleich
auf dein ende zu

Tagesende

admin am 7. Januar 2010 um 16:53

Auf bunten Kissen
zieren lang` unsere Köpfe,
ein gemalter Schrei
ohne Feuchtklang vielleicht.
Der Tagesflut tauchen
Dankesreden entgegen

Atembilder waren nie schwerer
als jetzt zu schwer.

Ich stricke dir Bitten.
Bleibe noch, bleibe,
hier auf bunte Kissen
bis das Dunkel hellsickert
und das Tagesende ohne Helm
getragen werden kann.

[ohne Titel] Ich bin sicher …

admin am 7. Januar 2010 um 16:49

Ich bin sicher es ist leichter, dich auf den schultern zu tragen!

Babette

admin am 30. Dezember 2009 um 10:32

In einer großen schnellen Stadt
An einem schmalen Fensterbrett
Da steht, weil sie die Zeit noch hat
Da steht so alt und ruhig: Babette

Die stolze Frau, die sie einst war
Ist größtenteils verborgen
Die Falten tief, das dünne Haar
Ist grau so wie der Morgen

Hellwach ist sie, und doch: Sie träumt
Von weit entfernten Städten
Von Allem, was sie je versäumt
Und von geteilten Betten

Die Bäume zeigen ihr Skelett
Die Blätter fallen. Herbstende.
In diesem Jahr fällt auch Babette
Dem Winter in die Hände

November, Himmel: grau und leer
Die Hände kalt, es regnet.
So still hat lange niemand mehr
Das Zeitliche gesegnet.

Ohne Last. Ohne Kopf. Egal.

admin am 30. Dezember 2009 um 10:30

Gare du Midi. Ich wohne am Bahnhof des Mittags. Es fahren viele Züge vorbei. Gestern stand ich wortend und barfuß vor dir. Ich sagte: “Verdammt, kannst du nicht nach Hause gehen, wenn du nicht bleiben willst?” Du streichst dein Haar aus dem Gesicht. Heute ist es ein bisschen fettig und du siehst müde aus und erschöpft. Du schiebst dein Fahrrad vor dir her, als könnte es dich schützen. Wovor brauchst du Schutz? Du stellst dein Fahrrad in den Hauseingang wie etwas Wichtiges, Wertvolles. Du fragst mich, ob wir noch nach oben gehen, ich sage: “Na klar!” Das war, bevor ich schreien musste. “Ich wäre an dir erstickt,” sagst du. “Ich habe keine Zeit zum Ersticken.” Ich schaue dich fassungslos an und frage dich dann, ob du schon mal an zu viel Luft erstickt bist. Ich hole weit aus und sage: “Ich ersticke jeden Tag an dieser scheiß Luft! Jeden verdammten Tag raubt mir diese verdammte Luft den Atem. Jeden verdammten Tag könnte ich an dieser gottlosen Luft verrecken!” Du schaust mich an und schüttelst den Kopf. Ich schaue zu Boden und spiele mit meinen Zehen Schach. “Was heißt das?”, fragst du und deutest auf einen Zettel. “Das ist mein Gebet.”, sage ich. “Und was bedeutet das?” “Das bedeutet, dass ich an nichts mehr glaube.” Wir gehen in eine Bar. Musik, Alkohol, seichte Gespräche. Ich wollte dich eigentlich nur wiedersehen, weil ich bereits dabei war, dich zu vergessen. Ich habe versucht, mir heimlich deine Gesichtszüge einzuprägen. Aber du hast jeden Blick bemerkt und ich habe also die Speisekarte begutachtet, das Bierglas, die Dekoration, “ein Kronleuchter, wie schön!”, und ich habe die Musik beobachtet und wir haben uns gelangweilt. Ich dachte die ganze Zeit, dass ich eigentlich deine Lippen anschauen müsste oder dich. Wir sprechen über Weihnachten oder so, keine Ahnung. Dann erzählst du was von einer Spanierin und ich frage mich, warum ich nicht rechtzeitig daran gedacht habe, das Fenster zu schließen. Es ist vier Uhr. Vier Uhr Nacht. Ich mag wie du dich räusperst und wie du “Aha” sagst. Es ist mir “Ähe” oder “Öha”. Ich mag wie du nachdenkst. Wir legen uns schlafen. Am nächsten Morgen gehe ich unter die Dusche. Du machst Musik. Ich mag dich, wenn du Musik machst. Du gehst. Ich hasse es, wenn du gehst. Ich habe mich gefragt, was wir hätten anders machen müssen. Du hast jetzt keine Zeit, sagst du. “Ich kann nicht an dich denken.” Gare du Midi. Ich wohne am Bahnhof des Mittags. Hier liegen die Obdachlosen zu jeder Tageszeit und schlafen. Ist es furchtbar, wenn ich sage, dass ich sie beneide? Ich beneide sie, weil sie sich bereits mit ihrem Unglück abgefunden haben. Ich beneide sie, weil sie da auf ihren furchtbar heruntergekommenen, bepissten Matratzen liegen und sich umarmen. Ich sage: “Das tut mir weh!”, du sagst: “Das ist normal.” Aber du hast nicht verstanden, was mir weh tut. Es fahren viele Züge vorbei. Montag und Dienstag habe ich mir gewünscht, in irgendeinen Zug einsteigen zu können und wegzufahren. Einfach nur wegzufahren. Ohne Last. Ohne Kopf. Egal. Ohne Ziel. Hauptsache irgendwohin, in irgendeine Zeit, raus aus dem Jetzt, raus aus dieser Realität, die sich mir bedrohlich und unabwendbar vors Auge schiebt. Ich sage: “Ist ja egal. Was willst du? Ist ja egal, und: Ja, wir können uns küssen.” Wir küssen uns also einen ganzen Abend lang und einen zweiten Abend. Ich frage mich, wo die Züge hinfahren, die Züge. Ich erinnere mich an andere Zugfahrten. Ich erinnere mich daran, dass ich mich in Zügen immer zu Hause gefühlt habe, also: immer irgendwie nicht zu Hause, also: immer irgendwohin unterwegs, immer von irgendwo weg. Hast du schon mal daran gedacht auszubrechen? Einfach so? Ich habe mich gefragt, was wohl in deinem Kopf vorgehen mag. Du hast irgendwas erzählt, auf Französisch, ich habe nicht zugehört. Ich habe an irgendwas gedacht oder an nichts. Was spielt das für eine Rolle? Dann sind wir gegangen. Du sagtest: “Ich hole noch mein Fahrrad.” Du sagtest: “Das ist die älteste Burg hier.” Du erzählst etwas Historisches. Ich kann dir nicht folgen, ich denke nur: Einen Schritt vor den nächsten, links, rechts, links, rechts. Dann habe ich das Gefühl, umzukippen, aber ich gehe noch. Ich erzähle dir: Eine Frau blickte mich unvermittelt an, sie sagte, mein Denken sei nicht normal und schrie dabei. Wir sitzen auf einer Fensterbank, ich rauche. Du sagst: “Das ist normal.” Ich seufze nur noch. Der Rauch steht in der Luft. Ich falle. Ich wohne am Bahnhof des Mittags. Wenn es dunkel wird und auch, wenn es hell ist, stinkt es nach Bier. Es stinkt nach Bier und Pisse. Der Mond hängt am Himmel wie ein poetischer Fehler. Ich wohne am Bahnhof des Mittags. Wenn es hell ist, kann man die vielen vernarbten, verkrampften, gespaltenen Gesichter sehen. Wenn es dunkel ist, fühlt man alles wie ein einziges, schlagendes, schmerzendes, sich zerschmetterndes Herz. Und manchmal stehen da Polizisten und erwecken Eindruck. Als würde irgendetwas nicht stimmen… Es fahren viele Züge vorbei. Ständig ist da dieses Vorbei. Weihnachten verbringst du in Spanien. Ich schaue dich an und sage nichts. Du sagst, es gibt Wichtigeres. Du sagst, du gehst jetzt. Und ich kramte die alten Fotos raus, ich dachte: Vielleicht finde ich ja etwas, das ich vergessen habe.